Der karge König der Weihnacht: Wie ein Baum ganz Deutschland rührte
Der Baum, der bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte, wächst schnurgerade, fast schon vorbildlich korrekt – nur leider ohne das übliche Beiwerk namens „Fülle“. Wo andere Tannen stolz Nadeln tragen, zeigt dieses Exemplar eher Zurückhaltung. Kahle Stellen? Ja. Üppige Zweige? Eher nicht. Und so wurde er schnell zum Gesprächsthema, zum Meme, zum Symbol all jener Weihnachtsbäume, die im Leben nie zur Spitze gehören wollten.
Die Stadt reagierte nicht etwa mit Motorsäge oder Austauschbaum, sondern mit einer Idee, die irgendwo zwischen Improvisation, Herzenswärme und leichtem Advents-Irrsinn pendelt: Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Weihnachtsschmuck zu spenden. Nicht für irgendeinen Zweck – sondern um den Baum aufzuhübschen. Ein „weihnachtlicher Akt der Nächstenliebe“, wie es offiziell heißt. Oder anders gesagt: Wenn der Baum es selbst nicht schafft, dann helfen wir ihm halt gemeinsam.
Der erste Schmuck wurde höchstpersönlich und mit technischem Gerät angebracht. Mit einem Hubsteiger ging es in luftige Höhen, um dem Baum wenigstens optisch ein bisschen Halt zu geben. Ein symbolträchtiges Bild: Ein Mensch hebt Kugeln an einen Baum, der still zu sagen scheint: „Danke, aber ich bleibe trotzdem ich.“
Währenddessen verteidigte das Stadtmarketing den Baum mit bemerkenswerter Gelassenheit. Man habe ihn von Anfang an „naturschön“ gefunden. Nicht alles müsse perfekt sein. Eine Aussage, die in Zeiten von Hochglanzfassaden, KI-Filtern und durchoptimierten Weihnachtsmärkten fast schon revolutionär wirkt. Der Baum wurde kurzerhand zum „Little Ugly Christmas Tree“ erklärt – ein Spitzname, der irgendwo zwischen liebevoller Umarmung und sanfter Selbstironie liegt.
Doch wie es sich für eine ordentliche Weihnachtsgeschichte gehört, bleibt es nicht bei Ästhetikdiskussionen. Die Aufmerksamkeit rund um den Baum wird nun genutzt, um Spenden für die örtliche Tafel zu sammeln. Wer also eine Kugel, eine Lichterkette oder einen leicht verbeulten Stern übrig hat, kann nicht nur den Baum verschönern, sondern gleichzeitig etwas Gutes tun. Der Baum wird so vom kargen Nadelträger zum sozialen Katalysator – vermutlich das höchste Amt, das eine Tanne erreichen kann.
Und plötzlich kippt die Erzählung. Aus Spott wird Sympathie. Aus Häme wird Beteiligung. Menschen bleiben stehen, schmunzeln, diskutieren, spenden. Der Baum wird nicht schöner im klassischen Sinne, aber bedeutungsvoller. Jede Kugel erzählt eine kleine Geschichte, jede Lichterkette ein Stück Gemeinschaft. Und irgendwo zwischen schief hängendem Lametta und improvisierter Deko entsteht etwas, das man fast vergessen hatte: Weihnachtsstimmung.
Vielleicht ist dieser Baum am Ende gar nicht hässlich. Vielleicht ist er einfach nur ehrlich. Ein Baum, der nichts vorgaukelt, der nicht vorgibt, mehr zu sein, als er ist. Und der genau deshalb passt wie kaum ein anderer in diese Zeit. Ein Baum, der sagt: Perfektion ist optional. Mitmachen ist besser.