Globaler Chat, regionales Brüllen: Warum der Löwe kein Emoji wurde
Gesagt, gedacht, beantragt. Mit stolz geschwellter Brust, digitalem Pathos und vermutlich mindestens einer PowerPoint-Folie wurde im Jahr 2024 ein Vorschlag auf den Weg gebracht: der bayerische Löwe, direkt hinein ins Herz der globalen Emoji-Machtzentrale. Zielort: Kalifornien. Dort, wo Vertreter großer Tech-Konzerne im sogenannten Unicode-Konsortium darüber entscheiden, welche kleinen Bildchen künftig Milliarden Menschen beim Chatten begleiten dürfen. Denn Emojis sind keine anarchische Spielwiese – sie sind streng reglementierte Symbolpolitik mit begrenztem Platzangebot.
Der Antrag aus Bayern war entsprechend ambitioniert. Kein anderes Bundesland, so wurde betont, sei bislang auf die Idee gekommen, sich selbst als Emoji zu verewigen. Eine Innovation! Eine digitale Pioniertat! Ein Löwe für alle! Zumindest theoretisch.
Doch dann kam die Antwort aus Kalifornien. Kurzfassung: Nein. Der Löwe darf draußen bleiben. Keine Aufnahme ins offizielle Emoji-Olymp. Keine globale Löwenherrschaft auf der Tastatur zwischen Aubergine und Gesicht-mit-Tränen-des-Lachens.
Die Gründe wurden nicht offiziell benannt, aber man muss kein interkultureller Emoji-Flüsterer sein, um sie zu erahnen. Emojis sollen universell verständlich sein. Ein Herz versteht man überall. Ein Daumen auch. Aber ein spezifischer Landeslöwe? Was genau soll jemand in Asien, Südamerika oder Afrika damit anfangen? Ist das ein Zoo-Tier? Ein Fußball-Maskottchen? Ein besonders selbstbewusster Kater?
Hier prallten zwei Weltbilder aufeinander: der globale Emoji-Kanon und der zutiefst regionale Blick auf die eigene Bedeutung. Aus bayrischer Sicht ist der Löwe selbstverständlich ein weltbewegendes Symbol. Aus globaler Perspektive ist er – nun ja – ein Löwe unter vielen. Und davon gibt es bereits einige. Ohne Tracht, ohne Dialekt, ohne emotionale Sonderstellung.
So wurde aus der großen Emoji-Vision eine freundliche, aber bestimmte Absage. Keine Ablehnung des Löwen an sich, sondern eine Erinnerung daran, dass nicht alles, was regional begeistert, automatisch weltumspannend relevant ist. Eine Lektion, die man sonst eher aus Weltkarten-Diskussionen kennt: Je nachdem, wo man steht, liegt das Zentrum woanders.
Doch anstatt die Idee ganz zu begraben, griff man zur digitalen Trostpflaster-Lösung: dem Sticker. Der Löwe lebt weiter – nicht im Unicode, aber immerhin in Messenger-Apps. Dort darf er jetzt brüllen, grüßen und gute Laune verbreiten. Eine Art Emoji zweiter Klasse, aber mit Heimvorteil. Nicht global normiert, dafür maximal identitätsstiftend.
Der Sticker ist damit das, was der Emoji nie sein durfte: rein regional, vollkommen freiwillig und frei von internationaler Bedeutung. Er funktioniert dort, wo alle wissen, was gemeint ist – und ignoriert elegant den Rest der Welt. Eine sehr konsequente Lösung, wenn man so will.
Fazit: Der Löwe hat es nicht auf die große Weltbühne geschafft, aber immerhin in den Gruppenchat. Vielleicht ist das auch besser so. Denn dort kann er genau das tun, was er am besten kann: Präsenz zeigen, ohne erklärt werden zu müssen. Und wer weiß – vielleicht ist der Sticker der ehrlichere Weg. Nicht alles muss ein Unicode sein. Manche Dinge brüllen am schönsten im eigenen Chatfenster.